Grrr…

Hegemonie, Klasse, Subalterne, Ideologie, Kultur, Philosophie der Praxis?

Lesekreis zum Einstieg in Antonio Gramscis ‘Gefängnishefte’

von 10.2018 bis 03.2019
in der association★14a

Als der globale Kapitalismus 2007/8 in seine vielleicht schwerste Krise seit Ende der 1920er Jahre schlidderte, nahmen viele an, dass der neoliberale Zyklus nun wohl endlich an sein Ende gekommen sei und somit einer Linkswende nicht mehr viel im Wege stehe. Gut zehn Jahre später scheint die optimistische Grundstimmung eher verflogen: An die Stelle der Debatten über neue Formen und Möglichkeiten parlamentarischer oder außerparlamentarischer Politik (Rot-rot-grün, Occupy, Transformismus, Horizontalismus usw.) traten im Gefolge des ‘Sommers der Migration’, des Aufstiegs neuer ‘autoritär-rechter’ Bewegungen und Parteien usw. deutlich defensivere Diskussionen. Ausgehend von der bereits umstrittenen Einschätzung, die politische Linke im weitesten Sinn habe den Draht zu ihrer ursprünglichen, proletarischen Basis verloren, steht in Frage, inwieweit dies auf eine identitätspolitische Wende einer sich zunehmend von ökonomischen auf kulturelle Fragen umorientierenden westlichen bzw. Neuen Linken seit den 1960er Jahren ‘ zurückzuführen sein, und ob dies durch einen ‘linken Populismus’ oder eine ‘neue Klassenpolitik’ gekontert werden könne – und was darunter wohl zu verstehen sei. Kurzum, der Kapitalismus hat sich wohl auch in seiner neoliberalen Ausformung mal wieder als stabiler erwiesen als erhofft – und (nicht nur) in theoretisch ambitionierteren Texten scheinen uns gramscianische und neogramiscianische Problemstellungen und Begriffe deutlich an Gewicht gewonnen zu haben.

Dies scheint uns kein Zufall zu sein: Antonio Gramsci (1891-1937), Journalist, sozialistischer Politiker und Mitbegründer des PCI, gilt nicht nur als ‘Theoretiker der Niederlage’, d.h. des Scheiterns der revolutionären Bewegungen in Mittel- und Westeuropa in den frühen 1920er Jahren, sondern auch als einer der ersten Intellektuellen, die sich – fernab akademischer Institutionen, aber mehr oder minder im bzw. ausgehend von dem Rahmen der zeitgenössischen marxistischen Problematik – theoretisch mit Problemen des Politischen und des Kulturellen zu beschäftigen begannen. Ausgehend von einer Kritik sozialdemokratischer und marxistisch-leninistischer, aber auch linksradikaler Denkformen (‘Kritik an Ökonomismus und Klassenreduktionismus’) versuchte er so, kommunistischer Politik neue Felder (Kultur, Ideologie) und Formen zu erschließen.

Seine Überlegungen liegen allerdings nicht in systematisch entwickelter und abgeschlossener Form vor, sondern vielmehr in Form der sog. ‘Gefängnishefte’, einem über mehrere Jahre in Haft verfassten Konvolut von 29 nur teilweise thematisch geordneten Notizheften bzw. über 2.000 Notizen und Fragmenten, die von Gramscis Arbeit an einer Reihe von vielleicht noch heute aktuellen Fragestellungen und gängigen Begriffen (Hegemonie, Zivilgesellschaft, Subalterne, passive Revolution usw.) zeugen und die immer noch eine prominente Rolle in einer Reihe aktueller politischer und wissenschaftlicher Diskussionen, Theoriestränge und Wissensfeldern spielen.

Gramsci-Lesekreis

Gramsci zu lesen ist, wie angedeutet, nicht unbedingt leicht. Wir bieten daher für diejenigen, die sich weder vom Charakter der Texte noch von ihrem eventuellen Vorwissen (Gramsci als Nationalkommunist, Marxist-Leninist, Ahnherr des Eurokommunismus o.ä.) abschrecken lassen wollen, die Möglichkeit, gemeinsam im Rahmen eines Lesekreises einen ersten Einstieg in die Gramscis ‘Gefängnishefte’ zu versuchen:

Zeit:

Vorauss. wöchentlich Sonntags ab 14.10.2018 jeweils um 20.00 Uhr (mit Laufzeit von ca. 2 Stunden)

Ort:

association★14a bzw. Müßiggang, Nachbarschaftsladen am Heinrichsplatz, Oranienstraße 14a

Textgrundlage des Lesekreises soll der im Rahmen der Rosa-Luxemburg-Stiftung erarbeitete Gramsci-Reader Gramsci lesen1 sein, dessen Anschaffung wir ggf. empfehlen und an dessen Struktur wir uns orientieren wollen. Daraus würden folgende thematische Sitzungen resultieren:

(1) Herrschaft und Führung, (2) Ökonomismuskritik: Zum Verhältnis von Struktur und Superstrukturen, (3) Integraler Staat, (4) Organische Intellektuelle, (5) Ideologie und Alltagsverstand, (6) Erziehung und Bildung, (7) Kunst und Kultur, (8) Marxismus als Philosophie der Praxis, (9) Politik der Subalternen, Spontaneität und Führung, (10) Moderner Fürst und gesellschaftliche Partei, (11) Fordismus – Produktions- und Lebensweise, (12) Organische Krise und passive Revolution

Zum Ablauf

  1. Wir bitten euch zu berücksichtigen, dass wir selbst weder Gramsci-Experten noch ausgebildete ‘Bildner’ sind und dementsprechend bisher auch keine Erfahrungen mit der Organisation eines derartigen Lesekreises gemacht haben. Wir müssten uns also sowohl methodologisch als auch inhaltlich quasi gemeinsam aus dem teutonischen Dunst und Nebel herausarbeiten, oder anders formuliert: Es hängt auch etwas von eurem ‘Engagement’ und euren Interessen ab, wie und wohin die Expedition ‘Gefängnishefte’ läuft …
  2. Grundsätzlich möchten wir den Lesekreis bis allerspätestens Ostern 2019 zu einem Abschluss bringen. Wir würden uns – bei zunächst wöchentlichen Treffen – vorauss. alle zwei Wochen eines der zwölf thematischen, jeweils ca. 30 Seiten umfassenden Kapitel des Readers vornehmen wollen.
  3. Es soll zunächst einmal darum gehen, sich in das letztlich noch unabgeschlossene Denken Gramscis bzw. seinen Begriffsapparat und vielleicht auch seine Arbeitsweise hineinzuarbeiten und ein erstes Verständnis für seine Probleme und Theoreme in ihrem intellektuellen und gesellschaftlichen historischen Kontext zu entwickeln. Wir würden hier ggf. optionale Zusatztexte oder andere, vielleicht auch (audio)visuelle Materialien hinzuziehen – hier zu mehr beim ersten Treffen. Das soll nicht heißen, dass wir die Schlachten der Vergangenheit neu aufführen wollen, aber: Interpretation und Verständnis der Texte bzw. Textfragmente sollen zunächst einmal und vor allem anfänglich Vorrang haben gegenüber der Frage, inwieweit die Begriffe auf die heutige Zeit übertragbar sind und was daraus praktisch folgen könnte – nicht zuletzt angesichts der Annahme, dass der Lesekreis keine abschließende Diskussion der oben ansatzweise aufgeführten Begrifflichkeiten und Problematiken wird bieten können. Sollte sich am Ende des Lesezyklus herausstellen, dass ‘wir’ – d.h. eine signifikante Zahl von Teilnehmer*innen – zu dem Schluss kommen, dass es sich lohnen könnte, offene Enden wiederaufzunehmen oder bestimmte Fragen zu vertiefen oder bestimmte Kritiken oder Aktualisierungen der Gramscianischen Überlegungen in gehabter oder ähnlicher Form weiter zu diskutieren, so soll dies explizit nicht von vornherein ausgeschlossen werden.

Voraussetzungen

Grundsätzlich sind für eine Teilnahme keinerlei Vorkenntnisse und schon gar keine schulischen oder akademischen Qualifikationen nötig. Grundkenntnisse bzgl. der Geschichte der sozialistischen und kommunistischen Arbeiterbewegung sowie des klassischen Marxismus sind sicherlich sehr hilfreich für das Verständnis der Texte, aber, Hand auf Herz, wer hat die heutzutage noch oder kann sie dann auch im richtigen Moment noch abrufen?

Voraussetzen würden wir allerdings folgendes:

  • Ihr solltet schon bereit sein, euch auf solidarische Diskussionsformen einzulassen bzw., genauer formuliert, sie … ja … mit uns nach und nach herzustellen versuchen.
  • Wir wollen weder einen Gramsci-Fanclub aufmachen noch zum Gramsci-Bashing einladen. Daher wäre es auch sehr schön, wenn es euch möglich wäre, im Falle Gramscis zunächst einmal fragend voranzuschreiten, d.h. euch zunächst einmal in sein euch vielleicht fremd, elitär, leninistisch etc. erscheinendes Denken hineinzuarbeiten, bevor zur Kritik übergegangen wird. Denn es wäre letztlich doch etwas schade, wenn wir zum Schluss wieder da rauskämen, wo wir angefangen haben …
  • Regelmäßige (und halbwegs pünktliche) Teilnahme an den Treffen, regelmäßige Lektüre und Übernahme von Vorbereitungsarbeiten.
    Bitte unterschätzt folgendes nicht: Die Texte sind nicht immer einfach zu lesen und bleiben oft auch bei wiederholter Lektüre dunkel. Zudem wird eine Vielzahl von historischen Ereignissen, Personen usw. erwähnt, deren Kenntnis manchmal auch wichtig wird. Ihr solltet schon damit rechnen, die Texte mehrmals über mehrere Tage lesen zu müssen. Sie schnell noch am Sonntagnachmittag vor dem Treffen durchzufliegen wird definitiv nicht ausreichen …
    Was die ‘Vorbereitungsarbeiten’ angeht, so werden wir schauen müssen, auf welche Resonanz der Vorschlag stoßen und über welche Ressourcen wir verfügen werden. Momentan schwebt uns vor, uns etwas an dem zugegebenermaßen oft wenig befriedigenden Ablauf von Uni-Seminaren zu orientieren, d.h. darauf zu setzen, dass ein bis zwei Personen sich evt. etwas eingehender vorbereiten, um den jeweiligen Abend evt. mit einem kurzen Input zu fokussieren oder vielleicht auch zu moderieren.
  • Die Treffen werden in deutscher Sprache stattfinden. Wir wollen das nicht zu einem Ausschlußkriterium machen, geben aber zu bedenken, dass es unserer Einschätzung nach recht guter Deutschkenntnisse bedürfen wird, um den Texten und v.a. dann auch den Diskussionen folgen zu können.

Anmeldung und Einstieg

Wir würden die Zahl der Teilnehmer*innen aus räumlichen und methodischen Erwägungen gern so auf ca. 10 bis 15 Personen beschränken. Würdest du an dem Lesekreis teilnehmen wollen oder dich doch zumindest ernsthaft dafür interessieren, so würden wir dich bitten, uns eine kurze Email an grrr@association14a.org zu schreiben – nicht zuletzt auch um abschätzen zu können, ob der Vorschlag überhaupt auf Resonanz stößt. Wir würden dir dann näheres zum ersten Treffen schreiben und vielleicht auch schon einen vorläufigen ‘Kursplan’ schicken, über den wir auf dem ersten Treffen befinden sollten.

Ein erstes Vorbereitungs-, Einstiegs- und Kennenlern-Treffen wird am 14.10.2018 um 20.00 Uhr in der Oranienstr. 14a (Müßiggang aka Nachbarschaftsladen) stattfinden. Mit den Leseabenden werden wir dann vorauss. ab 21.10. beginnen – bei zunächst wöchentlichen Treffen nach dem Motto ‘Alle zwei Wochen ein Kapitel aus dem Reader’.

So weit …


1Gramsci lesen. Einstiege in die Gefängnishefte, hg.v. Florian Becker, Mario Candeias, Janek Niggemann u.a. Hamburg 2013 (= Argument, 17€)